Herkunft & Geschichte des Espresso Martini
Der Espresso Martini gilt als eine der am besten dokumentierten Cocktail-Erfindungen der jüngeren Barkultur. Erfunden wurde er Ende der 1980er-Jahre vom britischen Bartender Dick Bradsell, der zu dieser Zeit unter anderem in der Soho Brasserie und später im Fred's Club in London arbeitete. Bradsell selbst erzählte die Entstehungsgeschichte über die Jahre mehrfach: Eine Gästin – nach seiner Erinnerung ein bekanntes Model – bat ihn um einen Drink, der sie zugleich "aufwecken und fertigmachen" solle ("wake me up, then fuck me up"). Da in der Bar direkt neben Bradsells Arbeitsplatz eine Espressomaschine stand und Kaffeesatz ohnehin allgegenwärtig war, lag die Kombination aus Wodka, frischem Espresso und Kaffeelikör nahe.
Ursprünglich nannte Bradsell seine Kreation schlicht "Vodka Espresso", weil er den Begriff "Martini" für ausschließlich aus Gin oder Wodka mit Wermut gemixte Drinks reservieren wollte. Erst später setzte sich unter Barkeepern und Gästen der heute geläufige Name "Espresso Martini" durch – vermutlich, weil der Drink klassisch in einer Cocktailschale serviert wird, die optisch an ein Martiniglas erinnert, auch wenn die Zutaten mit einem klassischen Martini nichts zu tun haben. Wer genau die Gästin war, die den Ausgangswunsch äußerte, ließ sich nie zweifelsfrei klären; kursierende Namen wie Naomi Campbell oder Kate Moss gelten als unwahrscheinlich, weil beide zum mutmaßlichen Zeitpunkt noch zu jung gewesen wären. Bradsell selbst hat diesen Teil der Geschichte nie mit einem eindeutigen Namen versehen.
Dick Bradsell, der bis zu seinem Tod 2016 als einer der einflussreichsten britischen Bartender galt und auch Klassiker wie den Bramble erfand, gilt in der internationalen Barszene unangefochten als Schöpfer des Espresso Martini. Nach einer eher ruhigen Phase in den 2000er-Jahren erlebte der Drink in den 2020er-Jahren ein weltweites Comeback und zählt inzwischen zu den meistbestellten Cocktails überhaupt – ein seltener Fall, in dem sich die Erfindung eines modernen Klassikers so präzise auf eine Person, einen Ort und einen ungefähren Zeitraum zurückführen lässt.
Zutaten
- 5 cl Wodka
- 3 cl Kaffeelikör (z. B. Kahlúa)
- 3 cl frisch gezogener, noch heißer Espresso
- 1 TL Zuckersirup (optional, je nach Süße des Kaffeelikörs)
- 3 ganze Kaffeebohnen zur Garnitur
Steckbrief Espresso Martini:
Kategorie: Modern
Basis: Wodka
Glas: Cocktailschale (Coupette)
Erfunden: Ende der 1980er, London, Dick Bradsell
Zubereitung Schritt für Schritt
- Die Cocktailschale vorab im Gefrierfach oder mit Eiswürfeln kalt stellen.
- Frischen Espresso zubereiten und kurz abkühlen lassen, damit er das Eis beim Shaken nicht zu schnell schmilzt.
- Wodka, Kaffeelikör, Espresso und bei Bedarf den Zuckersirup in einen Shaker geben.
- Den Shaker zu etwa zwei Dritteln mit Eiswürfeln füllen.
- Kräftig und lange schütteln (mindestens 15 Sekunden), bis sich auf dem Espresso eine feine, cremige Schaumschicht bildet.
- Durch ein feines Sieb (double strain) in die gekühlte Cocktailschale abseihen, damit keine Eissplitter im Glas landen.
- Mit drei ganzen Kaffeebohnen mittig auf dem Schaum garnieren und sofort servieren.
Geschmack & Wirkung
Der Espresso Martini ist unter den hier vorgestellten Cocktails derjenige mit der intensivsten, unmittelbarsten Kaffeepräsenz: Der frische Espresso liefert nicht nur Aroma, sondern durch das kräftige Schütteln auch die charakteristische cremige Schaumkrone, die den Drink optisch und texturell von anderen Kaffeecocktails unterscheidet. Der Alkoholanteil ist mit Wodka und zusätzlichem Kaffeelikör vergleichsweise hoch, wird aber durch die Kälte und den Kaffeegeschmack gut kaschiert, was den Drink tückisch trinkbar macht. Bittere Röstnoten aus dem Espresso treffen auf die Süße des Kaffeelikörs und gleichen sich in einem gut abgestimmten Rezept ungefähr aus; wird zu wenig Sirup oder ein sehr herber Espresso verwendet, kann die Bitterkeit dominieren. Gerade weil er kalt serviert wird, funktioniert der Espresso Martini sowohl als anregender Absacker nach dem Essen als auch als eigenständiger Barklassiker zu späterer Stunde.
Varianten
Zahlreiche Bars variieren die Basisspirituose: Statt Wodka kommt gelegentlich weißer Rum oder Amaretto zum Einsatz, was den Drink süßer und runder macht. Eine bekannte alkoholfreie Interpretation ersetzt Wodka und Kaffeelikör durch zusätzlichen Espresso, Kaffeesirup und etwas Vanille. Für einen intensiveren Kaffeegeschmack empfiehlt sich statt einer einfachen Siebträgermaschine ein sauber gezogener Ristretto oder ein Espresso aus dunkel gerösteten Bohnen; wer zu Hause keine Espressomaschine besitzt, kann ersatzweise stark gezogenen AeroPress-Kaffee mit doppelter Kaffeemenge verwenden, auch wenn er die feine Crema eines echten Espressos nicht vollständig ersetzt. Manche Barkeeper garnieren zusätzlich mit ein paar geriebenen Kaffeebohnen oder einem Hauch Muskatnuss für zusätzliche Aromatiefe.
Geschmacksprofil des Cocktails
Redaktionelle Einschätzung aus der eigenen Verkostung — keine Messdaten, sondern unsere Einordnung im Vergleich zu anderen Kaffees bzw. Methoden.